
Jeden ersten Fastensonntag hören wir, wie Jesus vom Heiligen Geist in die Wüste geführt wird. Dies geschieht unmittelbar nach seiner Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer. Der Himmel öffnet sich, und die Stimme Gottes verkündet: “Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen” (Lukas 3,22).
In der Wüste erkennt Jesus, wer er ist, wie er seine Macht einsetzen soll und wie er sein Leben leben wird.
Auch wir selbst geraten oft in Versuchung, gerade in unserer eigenen inneren Wüste. Wir vergessen unsere Identität als geliebte Kinder Gottes. Wir versuchen, unsere Sehnsucht nach Gottes Liebe und Gottes Mission mit verfälschten Vorstellungen zu stillen, was dazu führt, dass wir unsere gottgegebenen Talente missbrauchen und uns an Gottes Volk bereichern.
“Wenn du glaubst, dass du von Gott gesegnet bist, warum ist dein Leben dann so leer? Warum hungerst du? Warum sehnst du dich so sehr?” Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass materielle Dinge nicht bestimmen, wer wir sind. Wir können innerlich leer sein und dennoch von Gott gesegnet sein! Gesegnet zu sein und zu erkennen, wer man ist, hat nichts damit zu tun, wie erfüllt oder leer das Leben im jeweiligen Moment ist. Gerade in unseren schwersten Zeiten werden wir oft dazu aufgerufen, uns daran zu erinnern, wem wir gehören und wie wir berufen sind, Gottes Herrlichkeit zu verkünden.
Ich habe vor Kurzem “Der Alchemist” des brasilianischen Autors Paulo Coelho gelesen und musste dabei an die vielen Studenten denken, mit denen ich das Privileg habe, gemeinsam durchs Leben zu gehen. In der Geschichte sucht ein junger Mann namens Santiago nach seiner Bestimmung. Als ehemaliger Seminarist, der nun als Hirte arbeitet, sehnt er sich nach mehr und beginnt, nach einem wiederkehrenden Traum, in dem er einen Schatz nahe der ägyptischen Pyramiden findet, die Stimmen der Welt zu befragen.

Eine Wahrsagerin ermutigt ihn, seinem Traum zu folgen, ein König rät ihm, seine Schafe zu verkaufen, und ein “Freund” überzeugt ihn, ihm sein Geld zu geben, um Santiago zu den Pyramiden zu führen. Dieser Freund verrät ihn jedoch, nimmt ihm sein ganzes Geld ab und lässt ihn in einem fremden Land zurück.
Santiago spürt die Leere und den Verrat der Welt und hört auf eine innere Stimme, die ihn dazu bringt, für einen Kristallhändler zu arbeiten, um sein verlorenes Geld wiederzuerlangen. Der Junge trifft schließlich auf andere, die ihm auf seiner Reise helfen. Er verliebt sich, und die Frau verspricht ihm, ihn erst zu heiraten, wenn er seine Reise vollendet hat. Dann begegnet er einem weisen Alchemisten, der ihm hilft zu erkennen und zu verstehen, wer er durch seine Reise geworden ist. Der Alchemist lehrt ihn, sein wahres Selbst zu entdecken, indem er ihn ermutigt, mit dem Schöpfer der Welt zu kommunizieren. Gemeinsam wagen sie eine riskante Reise durch das Gebiet kriegerischer Stämme, wo Santiago seine Einheit mit der “Seele der Welt” beweist. Er entdeckt, dass der “Schatz”, nach dem er die ganze Zeit gesucht hat, in der verfallenen Kirche lag, wo er seinen ersten Traum hatte. Doch es war die Reise selbst, die ihn geformt und zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist.
Gerade in unseren innersten Krisen werden wir oft dazu aufgerufen, uns daran zu erinnern, wem wir gehören und wie wir leben sollen. Gerade in diesen Krisen müssen wir uns unserem inneren “Alchemisten” hingeben, damit er uns hilft, uns daran zu erinnern, dass wir berufen sind, Gottes Herrlichkeit zu verkünden – Gottes Liebe durch seinen Auftrag an alle Menschen zu bezeugen.




